Sites of mediation

Perzeption und Repräsentation des Meeres um 1600

Dissertation von Franziska Hilfiker, lic. phil.

Teilprojekt im Forschungsmodul 3
Site of Intellection – das Meer. Erfahrung, Wahrnehmung und Repräsentation
um 1600

Betreuung: Dr. Susanna Burghartz

 

 

Sea Spots.

Perzeption und Repräsentation maritimer Räume.

Darstellungen englischer und niederländischer Explorationen, 1570–1620

 

Aus dem Forschungsprojekt „Perzeption und Repräsentation des Meeres um 1600“ ist die Dissertation mit dem Titel „Sea Spots. Perzeption und Repräsentation maritimer Räume. Darstellungen englischer und niederländischer Explorationen, 1570–1620“ hervorgegangen.

Angeregt durch Raumtheorien und die Aktualität des Meeres in der sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschung, die unter dem Label oceanic turn die See einerseits als dynamischen Verbindungsraum und hybride Kontaktzone, andererseits als Raum der Imagination und des Wissens verhandelt, beschäftigt sich die Dissertation mit der Wahrnehmung und der Narrativierung von Reiseerlebnissen im Umfeld englischer und niederländischer Explorationsfahrten im Zeitraum 1570–1630. Dem Zusammenspiel von praktischem Erleben und empirischem Erfassen der See mit der projektierten und imaginären Konstruktion maritimer Räume, das sich in der medialen Verarbeitung der Explorationsfahrten findet, gilt dabei ein besonderes Interesse. Fokussiert wird auf englische und niederländische Reiseberichte, Bord- und Logbücher; Ergänzung findet das Quellenmaterial durch weitere im Umfeld der Seefahrten entstandene Dokumente wie hydrografische Schriften, Expeditionsinstruktionen, Kupferstiche und Karten.

Die zentrale Grundthese lautet, dass im Zuge der frühen europäischen Expansion und im Kontext ausgeprägter kolonialer Rivalität spezifische maritime Räume – Küstenzonen südpazifischer Inseln, die Magellanstrasse, aber auch vereinzelte Punkte in der arktischen See – hervorstechende Wichtigkeit erlangten indem über sie Positionierungsversuche, Superioritätsbehauptungen und Identitätsangebote der angehenden Seemächte konstruiert wurden. Um diese maritimen Räume zu fassen hat die Autorin den Begriff der sea spots geprägt, worunter maritime, geografisch lokalisierbare Orte unterschiedlicher Qualitäten verstanden werden, die intensiv gesucht, be- und erfahren, in verschiedenen Medien verzeichnet und verhandelt wurden. Den Begriff der sea spots zeichnet dabei im Besonderen seine im Lexem spot mitschwingende Konnotation des „feature or part with a particular quality“ aus (Concise Oxford English Dictionary 122011, S. 550), was die Berücksichtigung individueller maritimer Qualitäten, wie sie in den Quellen verhandelt werden, und auf diese Weise die vielschichtige Materialität der Meere hervorhebt. Damit wird ein Verständnis von ‚Meer’ propagiert, das dieses nicht im Kollektivsingular und als fluide, eindimensionale Verbindungsfläche fasst sondern als mehrdimensionalen, mosaikartigen Raum versteht.

Indem die Dissertation Prozesse der frühen europäischen Expansion untersucht, dabei aber unter die blosse (Verbindungs-)Oberfläche der Meere blickt und deren Materialität und Mehrdimensionalität hervorhebt (somit nicht bloss beyond borders, sondern auch beyond the surface geht), beschäftigt sie sich mit den mitunter aktuellsten Fragen der historischen Meeresforschung und bewegt sich in interessanten Schnittmengen zwischen Wahrnehmungs-, Wissens-, Expansions- und Meeresgeschichte.